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Ein Vierteljahrhundert Fan-Projekt Bremen
„Sitzen ist für’n Arsch!“

Das erste deutsche Fanprojekt war das in Bremen – im Jahr der Weltmeisterschaft in Deutschland wird es 25 Jahre alt. Allerdings ist der Anfang nicht ganz eindeutig auszumachen. Vor dem Beginn einer institutionalisierten Jugendarbeit mit Fußballfans im Winter 1981 gab es bereits eine Studentengruppe unter Leitung von Narciss Göbbel, die sich mit den Werder-Fans unter sozialwissenschaftlichen Gesichtspunkten beschäftigte. Professor Göbbel und seine Studenten von der Uni Bremen versuchten sich seit Ende der 70er mit Hilfe der Feldforschung und der Subkulturtheorie des Centre for Contemporary Cultural Studies der Universität Birmingham den Fanphänomenen in der Bundesliga zu nähern. Als sie einen Aufruf der Bremer Sportjugend im „Weser Kurier“ lasen, in dem auf Gewalttätigkeiten unter den Fans aufmerksam gemacht und eine sozialpädagogische Intervention eingefordert wurde, beschlossen sie, sich dieser Frage zu widmen und ein entsprechendes Konzept zu entwickeln. Es wurden zwei Pädagogen gefunden, die über ihr Studium an der Universität Bremen bereits Kontakt zu der Gruppe hatten. Wie damals üblich, wurden Manfred Knaust und Lutz Linnemann als ABM-Kräfte unter dem Titel „Fan-Projekt Bremen“ bei der Bremer Sportjugend Anfang 1981 zunächst für ein Jahr eingestellt.

Schon 1977 hatte Göbbel erste Seminare zum Thema Fußball unter dem Titel „5xF“ (Familie, Fabrik, Feierabend, Fernsehen, Fußball) im Rahmen der Lehrerausbildung an der neuen Bremer Reformuniversität gehalten, in denen es um Alltagskultur, Lebenswelten und das Verhältnis von Arbeit und Leben ging. Auf diese Weise entwickelte sich eine Gruppe von Studenten, die mehr über Fußball als Soziokultur wissen wollten. Die Gruppe reiste nach England, beschäftigte sich mit den damals neuesten Entwicklungen der Subkulturforschung, beobachtete systematisch das Zuschauerverhalten im Weser-Stadion und stieß so auf die Gruppe der Werderfans, die sie als jugendkulturelle Teilöffentlichkeit beschrieben und untersuchten. Dabei ging es ihnen darum, diese Jugendszene von innen heraus zu verstehen und ihre Struktur zu erfassen. Das hieß, zu ihnen auf die Stehplatzränge, die sich damals noch in der Nordgerade Höhe Mittellinie befanden, zu gehen und an ihren Auswärtsfahrten teilzunehmen. 1979 nahmen sie dann über die Sportjugend auch Kontakt zum SV Werder auf, der gerade ein neues Präsidium mit Franz Böhmert und Klaus-Dieter Fischer bekommen hatte und offen für ihr Anliegen war, mit den jugendlichen Werderanhängern zu arbeiten. Zumal es zu dieser Zeit zu einem Zerwürfnis der Werder-Fans mit dem damaligen Manager des Vereins, Rudi Assauer, gekommen war (Assauer hatte den Fans zwar seine Unterstützung bei ihren Auswärtsfahrten versprochen, gleichzeitig aber von ihnen gefordert, dass sie mögliche Randalierer bei ihm meldeten). Die Gruppe um Professor Göbbel bekam, ohne es zu wollen, einen Beraterstatus. Außerdem interessierte sie auch die ordnungspolitische Seite, so dass Kontakt mit dem Ordnerdienst des Weser-Stadions und der Bremer Polizei aufgenommen wurde. Ihre Erkenntnis: Eine sozialpädagogische Intervention ist notwendig und zwar nach allen Seiten. Ihr Ziel: Übernahme von Verantwortung für die Jugendlichen, insbesondere durch den Verein und die Zuschauer. Dies hieß u.a., Trainer, Spieler und Fans zusammenzubringen und in die Fanarbeit einzubinden.


Als sich dann Lutz Linnemann und Manfred Knaust in der Rückrunde 1982 als Sozialarbeiter bei den Fans vorstellten, fingen sie also nicht bei Null an. „Diese Unileute“ waren schon in der Fanszene bekannt, hatten sich für die Werderanhänger interessiert und etwas für sie beim Verein zu bewirken versucht. Nun ging es für die beiden Pädagogen darum, die Fans z.B. bei Fanclubbesuchen besser kennen zu lernen, angemessene Angebote zu entwickeln und einen Raum zu finden. Wie sich recht schnell herausstellte, ging es den Fans vor allem um ein besseres Verhältnis zum Verein, Aufhebung von Stadionverboten und um ein Ende der Konflikte sowohl mit dem Ordnerdienst und der Polizei als auch innerhalb der Bremer Fanszene. So luden die beiden Sozialpädagogen die Fans zu Diskussionsveranstaltungen mit Beteiligung von Werder Bremen ein, um zwischen Verein und Fans zu vermitteln. Auf der anderen Seite wurden Fantreffen angeboten, um die Konflikte innerhalb der Fanszene zu kommunizieren. Außerdem wurde vom Fan-Projekt ein Arbeitskreis, bestehend aus Vertretern von Werder Bremen, der Polizei, dem Ordnerdienst und dem Jugendamt, ins Leben gerufen. Hinzu kamen offene Angebote wie Fußballturniere für die Werderfanszene und ein Fanfrühstück in einem dem Stadion nahe gelegenen Jugendfreizeitheim der Stadt Bremen. Damals hatten die Werderfans freundschaftliche Beziehungen zu Fans aus Kaiserslautern, so dass das Fan-Projekt die Anhänger beider Clubs einlud, vor dem Spiel gemeinsam zu frühstücken und nach dem Spiel an einer großen gemeinsamen Feier im Wehrschloss teilzunehmen. Schon damals mit von der Partie: Otto Rehagel, einige Spieler und Vereinsfunktionäre. Auf diese Weise entwickelten sich schon recht früh vier Arbeitsebenen, die Grundlage der Fanarbeit wurden: Aufsuchende Arbeit, Vermittlung zwischen den beteiligten Parteien (Mediation), offene Angebote und Einzelhilfen.


Im Oktober 1982 kam es zu einem folgenschweren Unglück. Werderfans wurden vor dem Spiel Hamburg-Bremen auf dem Weg von der U-Bahn zum Stadion im Volkspark von HSV-Anhängern angegriffen und mit Steinen beworfen. Dabei wurde der Werderfan Adrian Maleika so am Kopf getroffen, dass er wenig später an einem Blutgerinsel im Gehirn im Krankenhaus verstarb. Für die Öffentlichkeit und für die Werderanhänger ein Schock. Hier waren die Fans bei ihren Rivalitäten untereinander eindeutig zu weit gegangen. Es musste etwas getan werden, um diese Entwicklung und mögliche Eskalationen zu stoppen. So beschloss das Fan-Projekt Bremen, die Werder- und HSV-Fans vor dem Rückspiel in Bremen zusammenzubringen. Durch intensive Gespräche in Bremen, aber vermittelt über den HSV auch in Hamburg, gelang es dem Fan-Projekt, beide Seiten zu überzeugen, miteinander zu sprechen. Dafür suchten die beiden Mitarbeiter einen geeigneten neutralen Ort zwischen Hamburg und Bremen. In Scheeßel, ungefähr auf halber Strecke zwischen beiden Städten, wurde ein ausreichend großer Veranstaltungssaal gefunden, der sich im Februar 1983 mit den Fans beider Seiten füllte. Außer den Mitarbeitern, die die Moderation übernahmen, waren Willi Lemke (damals Manager bei Werder Bremen, heute Bremer Bildungssenator und Vorsitzender im Aufsichtsrat von Werder), Otto Rehagel (damals als neuer Trainer des Bremer Vereins noch mehr oder weniger unbekannt), Günter Netzer (damals Manager des HSV), weitere Vereinsfunktionäre und Medienvertreter anwesend. Gemeinsam wurde diskutiert und gestritten, bis man sich einigte, das „Kriegsbeil“ zu begraben und über einen „Waffenstillstandsbeschluss“ abzustimmen, der dann von der Mehrheit angenommen wurde. Zu dieser Proklamation gehörte z.B., alle Provokationen zu unterlassen und keine „Rache“ zu nehmen. Es kam dann auch zu keiner weiteren Eskalation zwischen den Fans beider Seiten.


Die Arbeit des Fan-Projekts hatte damit seinen ersten großen Erfolg und wurde beispielgebend für weitere Fan-Projekte, die sich nun in einigen Bundesligastädten, insbesondere im Norden der Republik, gründeten. Für die Mitarbeiter im Fan-Projekt Bremen war es immer auch ein Anliegen, Ansprechpartner bei den gegnerischen Vereinen zu haben und so unterstützten sie nach Kräften den Aufbau weiterer Fan-Projekte. Bremen als einzige Bundesligastadt mit einem Fan-Projekt hätte auf die Dauer auch nicht viel Sinn gehabt, denn die Werderfans waren Teil einer allgemeinen Entwicklung der Fanszenen in der Bundesliga. Die Ausrichtung eines bundesweiten Fankongresses 1988 in Bremen sowie später die Unterstützung des Nationalen Konzeptes „Sport und Sicherheit“ zur bundesweiten Einrichtung von Fan-Projekten war dann die logische Konsequenz.
Nach zwei Jahren waren die ABM-Stellen der beiden bisherigen Mitarbeiter ausgelaufen und die Bremer Sportjugend war nach einer einjährigen Zwischenlösung nicht mehr bereit, diese Arbeit weiterzuführen. So beschloss die Unigruppe, einen eigenen Verein zu gründen und selber hauptamtliche Mitarbeiter auf ABM-Basis einzustellen. 1984 wurde der Verein unter dem Namen „Fan-Projekt Bremen e.V.“ ins städtische Vereinsregister eingetragen. Als Zweck definierte die Satzung, „sozialpädagogische Maßnahmen mit Fußballfans durchzuführen, die geeignet sind, den kulturellen Lebensbedürfnissen von Jugendlichen in verschiedenen Lebensbereichen gerecht zu werden (...) Diese Maßnahmen sollen auch zum Abbau von Konfliktsituationen unter jugendlichen Fußballfans beitragen und dadurch ihre sozialen Handlungskompetenzen praktisch fördern“. Es wurden zwei neue Mitarbeiter gefunden, die bis 1989 aufgrund der ABM-Regelungen immer wieder auch wechselten. Ende 1989 gelang es dann dem Verein endlich, auf Basis der Förderung durch den Jugendsenator, einen Sozialwissenschaftler und einen Sozialpädagogen fest einzustellen. Trotz allen Erfolges war diese Zeit gekennzeichnet von Umbrüchen. Der Vorstand des Vereins bekam neue Mitglieder, alte wendeten sich ab, das Fan-Projekt wurde aus seinen angestammten Räumlichkeiten in einer Baracke am Sportamt geworfen und musste mit dem privaten Keller eines Vereinsmitglieds vorlieb nehmen.


Zu einem für die Entwicklung des Fanprojektes zentralen Konflikt kam es in den 90er Jahren um die Frage der Stehplätze in der Ostkurve des Weser-Stadions. Hintergrund war die Katastrophe am 15. April 1989 im Hillsborough Stadion in Sheffield, als 96 Menschen in überfüllten Stehplatzblöcken erstickten oder erdrückt wurden. Infolge dieser Katastrophe wurden nicht nur in England die Stehplätze abgeschafft, sondern auch in Deutschland forderte der damalige DFB-Präsident Hermann Neuberger die Abschaffung aller Stehplätze in der Bundesliga. Dem Fan-Projekt Bremen kam zu Ohren, dass auch der SV Werder und die Stadt Bremen beim geplanten Umbau des Weser-Stadions mit dem Abriss und Neubau der alten Südtribüne und der Ostkurve die Abschaffung aller Stehplätze beabsichtigten. Diese Planung wurde damit begründet, dass die Stehplätze die Gewaltentwicklung im Stadion befördern würden. Aus Sicht des Fan-Projektes ging es dem DFB und den Vereinen bei dieser Politik aber mehr darum, zahlungskräftigeres Publikum anzulocken und die organisierten Fans endgültig aus den Stadien zu vertreiben. Wie weiter oben erwähnt, waren durch eine vorhergehende Umwandlung der Gegengeraden in Sitzplatztribünen die Fangruppen ja bereits in die schlechteren Kurven vertrieben worden.
Die deutsche Fankultur war aber nicht zufällig auf den Stehplatzrängen entstanden und fand dort in Form von Unterstützerritualen ihren Ausdruck. Welcher Chor setzt sich, wenn er singt? Wie soll man seine Mannschaft mit Fahnen-, Klatsch- und Schalchoreographien im Sitzen angefeuert werden? Wenn es keine Bewegungsmöglichkeit mehr in der Kurve gab, wie sollten die Fans sich untereinander kennen lernen und kommunizieren? Und vor allem: Wer konnte sich von den Jugendlichen überhaupt einen Sitzplatz leisten?
Zu diesen Fragen lud das Projekt alle Werder-Fans zu Informationsabenden und Diskussionen ein. Schnell kristallisierte sich heraus, was die Fans und das Projekt machen konnten und was nicht: Den Erhalt der alten Ostkurve zu fordern, wäre Unsinn gewesen, schließlich wollten ja auch die Fans endlich ein Dach über dem Kopf und vernünftige Toilettenanlagen. Demonstrieren und Petitionen schreiben – dafür fehlte zum einen die Masse, zum anderen kannten alle die Wirkungslosigkeit derartiger Maßnahmen. Also entstand die Idee, ein alternatives Stadionprojekt zu entwickeln. Bloß, wer konnte das schon? Zum Glück bot sich das Kulturzentrum Schlachthof (Industriebau aus dem vorletzten Jahrhundert, der von ehemaligen Besetzern zu einem Kultur- und Kommunikationszentrum mit Kulturwerkstätten und überregionalem Kulturprogramm ausgebaut wurde) mit seiner Werkstatt für Gestaltung an, das Projekt und die Fans zu unterstützen. Aus einem losen Haufen interessierter Fans wurde die Ostkurvengruppe, die sich nun regelmäßig im Schlachthof traf und an einem Architekturmodell im Maßstab von 1:50 bastelte. Dabei wurde klar, dass es nicht nur Stehplätze in der neuen Ostkurve geben sollte, sondern auch Räumlichkeiten für die Fußballfans. Schließlich plante der SV Werder für zahlungskräftiges Publikum auch so genannte VIP-Logen in der neuen Südtribühne. Nachdem das Projekt fertig gestellt war, wurde es unter dem Slogan „Sitzen ist für’n Arsch“ der Öffentlichkeit, dem SV Werder und der bremischen Politik vorgestellt. Die Wirkungskraft dieser Initiative von Fans und Fan-Projekt war erstaunlich. Nicht nur, dass sie in Bremen für Furore sorgte, sondern bundesligaweit standen die Fans auf und forderten den Erhalt ihrer Stehplätze.
Auf diese Weise gelang es dann tatsächlich, der Stadt und dem Verein sowohl eine große Zahl von Stehplätzen für die jugendlichen Werderfans abzuringen, als auch eigene Räumlichkeiten für die Fangruppen in der Ostkurve zu bekommen. Und auch in allen anderen Stadien, in denen der Umbau der Kurven stattfand, konnten die Stehplätze der Fans erhalten werden. Aufgrund politischer Querelen (Ampelkoalition in Bremen) konnte die neue Ostkurve aber erst 1997 fertiggestellt werden. In dieser Zeit entwickelte das Fan-Projekt Bremen weitere Angebote, die die Fanarbeit in Deutschland beeinflussen sollten. Zum einen waren dies die so genannten U16-Fahrten, Auswärtsfahrten speziell um den Nachwuchs der Fanszene zu erreichen, zum zweiten die Mädchenarbeit in einer männlich dominierten Szene, mit besonderen Angeboten und Maßnahmen für Mädchen und junge Frauen, und drittens internationale Begegnungsfeste, bei denen sich die Fans aus Bremen und dem europäischen Ausland kennen lernen können.


Die für die Fangruppen vorgesehenen neuen Räumlichkeiten im „Bauch“ der Kurve wurden dem Fan-Projekt im Frühjahr 1997 dann offiziell übergeben. Zuvor hatte das Projekt die Räume bereits in Beschlag genommen, denn die Vereinbarungen mit dem SV Werder beinhalteten, dass die Fans und das Projekt diese zwar mietfrei erhalten, aber dem Steuerzahler und Werder Bremen möglichst wenig kosten sollten. Also strichen die Fans ihre Räume selber an, verlegten die Teppiche und bauten einen großen Teil der Einrichtungsgegenstände selber. Als Kooperationspartner zum Bau der Einrichtung wurden wiederum der Schlachthof (Metallarbeiten) und die Jugendstrafanstalt Blockland (Holzarbeiten) gewonnen. Unterstützung bei der künstlerischen Gestaltung des Fan-Zentrums kam von der Hochschule Bremen (Tresengestaltung), vom Verein „Mauern öffnen“ (Kunstskulptur im Eingangsbereich) und vom Kultursenator (Wandbild im Ostkurvensaal).
Ohne dass dies ausdrücklich geplant war, entstand mit der Übernahme von Räumen in der Größenordnung von über 300 qm ein neues Projekt: Es mussten Sponsoren gefunden und Gelder zum Unterhalt der Räume erwirtschaftet werden. Darüber hinaus mussten Fans dafür gewonnen werden, sich ehrenamtlich zu engagieren.
Im Ostkurvensaal des Fan-Zentrums werden seitdem regelmäßig Fan-Partys, Fanclubjubiläen, Geburtstage und Hochzeiten gefeiert. Vor und nach den Heimspielen haben die Werderfans einen eigenen Treffpunkt, von dem nun auch ihre Auswärtsfahrten ausgehen. Es gibt Übertragungen von Spielen auf einer Großbildleinwand und die verschiedensten Veranstaltungen. Der Dachverband Bremer Fan-Clubs und der Fan-Beauftragte des SV Werder haben hier ihr Büro gefunden und es gibt einen Sitzungsraum, eine Küche, eine Werkstatt und ein Lager. Das Fanprojekt Bremen ist hierdurch ein wirkliches Fanzentrum mitten im Weser-Stadion geworden. Neben diesem Zentrum liegen der Fanshop und die Spielerkabinen, darüber die Geschäftsstelle des SV Werder und noch weiter drüber das Spielerinternat. Unter der Woche tauchen neue, junge Fans auf. Sie basteln im Ostkurvensaal an riesigen Fahnen, Transparenten und buntem Kurvenschmuck. Sie definieren sich als „Ultras“ und haben sich zur Aufgabe gemacht, ihre Mannschaft nach italienischem Vorbild durch Kurvenchoreographien zu unterstützen. Der 200 qm große Ostkurvensaal in exklusiver Lage mitten im Stadion und mit angegliederter Werkstatt und Sitzungsraum (ausgestattet mit PC, Drucker, Kopierer, Fax, Video, DVD, Bibliothek und Fernseher) bietet ihnen dafür bis heute die besten Voraussetzungen.
Wie mit dem Begriff „Ultras“ schon angedeutet, hat sich nicht nur das Fan-Projekt Bremen im Laufe der Zeit gewandelt. Auch in der Fan-Szene haben sich international übergreifend und nicht nur in Bremen mit der Modernisierung des Fußballs Veränderungen ergeben. Waren früher die an den Vereinsstrukturen orientierten Fan-Clubs tonangebend, so sind es heute eher informelle, sich als „autonom“ verstehende Gruppierungen von Jugendlichen, die sich vorwiegend zum Zweck der Vereinsunterstützung zusammenfinden. Ihr Stil ist eher sportlich-mobil im Gegensatz zu den Fans der 70er und 80er Jahre, die so genannte „Kutten“ (Jeanswesten mit Aufnähern) und schweres Schuhwerk nach Art der Rocker trugen. Aber auch die Kuttenfans waren bereits eine Reaktion auf Veränderungen im Fußball selber, die sich als Ausdruck einer Entfremdung von Verein und Publikum und des Versuchs der Rückgewinnung der alten „Fußballfamilie“ beschreiben lassen. Zu ihrer Zeit allerdings hatte die Vermarktung des Fußballs erst begonnen. War es damals eher die Ausnahme, dass Spieler ihren Verein wechselten, ist dies heute gang und gäbe und gerade jugendliche Anhänger tun sich schwer, mit dieser Situation umzugehen. Eine Identifikation mit einzelnen Spielern oder der Mannschaft kann dann schnell zu schmerzhaften Erfahrungen führen. Verstehen heute die Vereine ihr Publikum in erster Linie als „Kunden“, so wollen die engagierten Jugendlichen, die ihre Zeit und Energie für ihren Verein opfern, gerade dies verständlicherweise nicht sein. Auf diese Weise hat sich zwischen Verein und Fans heute ein anderes Verhältnis entwickelt, das seinen Ausdruck in der Entstehung der „Ultras“ als Gegenbewegung zu dieser Kommerzialisierung findet. Die gegenseitige Entfremdung und damit einhergehende Konfliktpotenziale haben deshalb in den letzten Jahren zugenommen, so dass die Fan-Projekte heute noch stärker an einer Bruchstelle zwischen Verein und Fans stehen und hier zunehmend Vermittlungsarbeit leisten müssen.


Zum Abschluss meiner Betrachtung lassen sich noch einige Fragen stellen: Warum zum Beispiel konnte sich diese neue Form der Jugendarbeit überhaupt etablieren? Bei einem Gespräch mit Narciss Göbbel machte dieser deutlich, dass es im Grunde genommen der Zeitpunkt war, der dies ermöglichte. Seine Ideen und die der Studenten stießen auf eine in den 80er Jahren offene Stadt: auf einen Verein mit offenen Menschen wie Franz Böhmert, Klaus-Dieter Fischer, Thomas Schaaf, Benno Möhlmann oder auch Wolfgang Sidka – und auf offene Fans. Hinzu kam, dass die Ideen von engagierten Mitarbeitern und Mitstreitern vertreten wurden. Warum wurde diese Arbeit dann nach kurzer Zeit nicht wieder beendet, wie so oft üblich? Dies liegt nach Meinung von Narciss Göbbel am Konzept des Fan-Projekts Bremen, das sich aus der Diskussion Vieler und auch aus der Möglichkeit des Experimentierens entwickelte. Wichtig war dabei, eine (damals durch die Subkulturtheorie theoretisch untermauerte) eigenständige Praxis und Position zu entwickeln, die nicht von den Positionierungen von Verein, Polizei oder Fans ausgeht. Wobei aber gerade der gute Kontakt zur Polizei dem Fan-Projekt über all die Jahre geholfen hätte. „Eines“, so Göbbel, „war dabei immer entscheidend: Der Fußball ist das Zentrum.“
Selbstverständlich gab es in all den Jahren auch Konflikte und Brüche. Bisher konnten diese aber immer produktiv gewendet werden. Der erste größere Bruch entstand mit der Festeinstellung zweier Mitarbeiter, was dazu führte, dass ein Teil der ersten Mitglieder das Fan-Projekt aus Kritik an der „Professionalisierung“ verließ. Doch mit der Initiative „Sitzen ist für’n Arsch" bekam das Fan-Projekt wieder neuen Grund unter die Füße und entwickelte sich weiter. Es entstand das Fan-Zentrum Ostkurve mit Räumlichkeiten für Fans mitten im Stadion. Aber Räumlichkeiten und ihre Nutzer produzieren neue Konflikte. Da geht es um das Verhältnis von hauptamtlicher zu ehrenamtlicher Arbeit, um die Vergabe der Räume, um Organisationsfragen und auch um so banale und alltägliche Dinge wie Sauberkeit und Ordnung. Durch die Beteiligung der Fans konnten diese Auseinandersetzungen allerdings bisher gemanagt werden. Darüber hinaus gab es auch Konflikte mit dem Verein und den Ordnungskräften. Diese Konflikte waren eigentlich immer bestimmt von Nähe und Distanz. Dabei musste das Fan-Projekt in seiner Mittlerfunktion immer eine Balance finden zwischen notwendiger Distanz und Unabhängigkeit gegenüber diesen Parteien und Erwartungen an Loyalität und Zusammenarbeit. Ähnliches gilt auch für das Verhältnis zu den Fans. An die Mitarbeiter eines solchen Projektes stellt diese Notwendigkeit des Ausbalancierens von zum Teil gegensätzlichen Erwartungen hohe Anforderungen. Denn dies beinhaltet unvermeidbar, dass Konflikte und Ambivalenzen ausgehalten werden und das Projekt seine eigenständige Rolle bei widersprüchlichen Anforderungen definiert, kommuniziert und verteidigt. Gelingt dieser Drahtseilakt nicht, läuft das Fan-Projekt Gefahr, seine Legitimation zu verlieren.
Bislang ist es in Bremen über 25 Jahre im Großen und Ganzen gelungen, eine derart ausbalancierte Vermittlerposition und Fan-Arbeit zu realisieren, was für die Zukunft des Fußballs und seiner Fans Mut machen sollte.


1 Der Autor bedankt sich bei Manfred Knaust und Narciss Göbbel.

Hafke, Thomas (2006)
In: Brandes, Holger u. a. (Hg.): Hauptsache Fußball – Sozialwissenschaftliche Einwürfe, S. 251 – 259.

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